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  • Henning Wehland: Diese Dinge lernte er durch seine Therapie

    Henning Wehland: Diese Dinge lernte er durch seine Therapie

    Am 6. März veröffentlicht H-Blockx ihr neues Album. Im Interview spricht Henning Wehland auch über seine überwundende Alkoholsucht.

    Mit ihrem Debütalbum „Time to Move“ landeten H-Blockx Anfang der 1990er einen echten Hit. Die Platte katapultierte die Münsteraner Crossover-Band über Nacht ins Rampenlicht. Mit energiegeladenen Tracks wie „Risin‘ High“ und „Move“ brachten sie die Festivalbühnen zum Beben. 2024 feierten sie ihr 30-jähriges Jubiläum mit einer restlos ausverkauften Tour und meldeten sich kurz darauf mit dem Song „Fallout“zurück – ihrer ersten neuen Single seit zwölf Jahren. Nun steht am 6. März das achte Studioalbum „Fillin The Blank“ in den Startlöchern. 14 Jahre nach ihrer letzten LP knüpft die Band damit klanglich an die Wurzeln ihres Erfolgs an.

    Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Henning Wehland, 54, der Sänger und Frontmann der Band, unter anderem über die persönliche Verbindung zu dem Song „Lights Out“, der seine Alkoholkrankheit thematisiert und darüber, welche Bedeutung das Werk für die Band hat.

    14 Jahre nach eurer letzten LP erscheint nun am 6. März euer neues Album „Fillin the Blank“. Steckt hinter dem Titel eine besondere Bedeutung?

    Henning Wehland: Es ist nicht so, dass wir jetzt eine große Botschaft übermitteln wollen. „Fillin the Blank“ ist vielmehr eine Art Zusammenfassung dessen, was diese Platte und der Weg dorthin für uns bedeuten. Als wir den Titel fanden, gab es eigentlich noch gar keine Idee für ein neues Album. Keine Songs, keine Songtitel, nichts. Ursprünglich war es nur der Name für eine Tour, die wir spielen wollten. Und dann stand die große Frage im Raum: Gibt es überhaupt neue Songs? Einen? Zehn? Zwölf? Können wir daraus ein Album machen? Irgendwann haben wir beschlossen: Wir müssen einfach anfangen, sonst finden wir es nie heraus. Das Ganze entstand 2024, während der Jubiläumstour. Wir saßen im Bus und überlegten, wie wir das Ganze nennen könnten. Der Titel musste auf jeden Fall catchy sein.

    Ich hab dann an früher gedacht – in der Schule gab’s ja diese Sprachlabore. Ich weiß gar nicht, ob es die heute noch gibt. Da saß man mit der gesamten Klasse wie in einem kleinen Studio, mit Kopfhörern auf, und plötzlich hieß es: „Listen and fill in the blanks“. Das hat bei mir irgendwie Klick gemacht. Weil es bei uns so viele offene Fragen gab, war der Satz plötzlich ein Symbol dafür: Lasst uns anfangen, diese Lücken zu füllen. Und genau das haben wir dann getan.

    Der Opener „Straight Out of Nowhere“ erinnert an „Move“ von eurem Debütalbum. Ihr habt gesagt, ihr fühlt euch endlich wieder wie in euren Anfangstagen. War es also euer Ziel, mit dem neuen Album bewusst an den Sound eurer ersten Platte anzuknüpfen?

    Henning Wehland: Ja, genau. „Time to Move“ war für uns irgendwie Fluch und Segen zugleich. Ich würde natürlich nichts daran ändern wollen, aber für eine junge Band war das damals schon eine riesige Herausforderung. Wir waren Anfang 20 und plötzlich schießt dieses Debüt einfach so in den Orbit. Wir hatten ja keinerlei Erfahrung, weder mit dem Musikbusiness noch mit Labels, und auch noch gar keinen richtigen Weg gefunden, unseren Sound öffentlich zu definieren. Vieles ist damals einfach aus dem Bauch heraus entstanden. Dieser typische „Time to Move“-Sound war letztlich ein Zufallsprodukt – auch, weil wir gar keine anderen Möglichkeiten hatten. Wir waren eine Band, die direkt aus dem Proberaum kam, sich ins Studio gestellt hat und dann hieß es: „Spielt mal, was ihr habt.“ Da gab’s kein großes Sounddesign, keine ausgefeilte Produktion.

    Unser Drummer, der ja auch Produzent der neuen Platte ist, hat sich „Time to Move“ vor Kurzem noch einmal komplett angehört. Und obwohl er nie der größte Fan der ersten Stunde war, meinte er plötzlich: „Da ist irgendwas drauf, was wir damals – vielleicht auch nur zufällig – richtig gemacht haben.“ Wir haben irgendwann gesagt: Lass uns genau das, was das Album damals so besonders gemacht hat, als Leitfaden nehmen und mit diesem Gefühl an die neuen Songs herangehen. Wir haben uns also ganz bewusst ein Stück weit limitiert, immer mit dem Gedanken: Wie hat sich das damals angefühlt? Natürlich haben wir das nicht konsequent bis zum Ende durchgezogen. Aber immer dann, wenn wir an einem Punkt standen, an dem verschiedene Richtungen möglich waren, haben wir uns gefragt: Wie hätten wir das 1993 oder 1994 gemacht, als das Debüt entstanden ist? Und das war im Nachhinein die beste Entscheidung. Dadurch hat sich die Band wieder zusammengerauft. Es ging plötzlich nicht mehr um Einzelinteressen, wie das in den letzten 20 Jahren oft der Fall war, sondern wirklich um das gemeinsame Verständnis dessen, was die DNA von H-Blockx eigentlich ausmacht. Und genau dieser Punkt hat uns lange gefehlt – jetzt ist er wieder da.

    Mit „Lights Out“ gibt es einen Song, der sehr persönlich ist und Ihre eigene Erfahrung mit Alkoholismus aufgreift. Trotz des ernsten Themas sprüht der Song voller Energie.

    Henning Wehland: Bei „Lights Out“ ist es tatsächlich so: Ich habe die letzten 10, 15 Jahre mit einer Suchtproblematik gekämpft. Ich bin Alkoholiker und seit vier Jahren trocken. Diese Zeile „I’m only happy with the lights out“ ist für mich eine Metapher für Scham: die Angst, mein wahres Ich zu zeigen. Mein Leben war lange davon geprägt, dass ich nur eine kontrollierte Version von mir nach außen getragen habe – die, die mich nicht verletzlich macht. Dabei habe ich weder meine Schwächen noch meine Stärken wirklich angenommen. Heute weiß ich: Meine Stärken kann ich ruhig zur Schau stellen, damit komme ich klar. Das kann mir nicht zum Verhängnis werden. Erst durch die Therapie habe ich gemerkt, dass Scham und Schuld bei mir ein Riesenthema sind. Und genau das habe ich in dieser Zeile ausgedrückt.

    Es fängt ja schon in der ersten Strophe an: „Knock knock as I welcome y’all to my house. Thank god I was just about to pass out, 20 million empty bottles cover my grounds“. Das Bild hatte ich ständig vor Augen – wenn es an der Tür klingelte und überall Flaschen rumstanden, dachte ich: Oh Gott, bloß nicht, dass das jemand sieht. Aber ich habe bewusst die Tür aufgemacht und mit den wichtigsten Personen darüber gesprochen: Erst mit meiner Frau und meinen Freunden. Ich habe diese Geschichten verarbeitet, eingeordnet und verpackt. Durch „Lights Out“ sind sie zu einem Teil von mir geworden, den ich zeigen kann. Es ist eine Geschichte mit Anfang und Ende. Deshalb fällt es mir heute auch leicht, darüber zu reden.

    Die Band steht nun seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne. Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

    Henning Wehland: Ja, da gibt es natürlich viele erinnerungswürdige Momente. Einer, der mir besonders im Kopf geblieben ist, war, als ich bei den MTV European Music Awards backstage mit Bono, The Edge und Mick Hucknall von Simply Red Billard spielte – und plötzlich kam Kylie Minogue herein und gab mir einen Kuss auf den Mund.

    Wirklich prägend war für mich aber „Rock am Ring“ 2010 – für mich das perfekte Konzert. Unser erstes Mal dort, im Jahr 1995, konnte ich kaum verarbeiten, weil alles so schnell ging. Man startet in einem kleinen Proberaum im Jugendzentrum und plötzlich steht man auf einer riesigen Bühne vor Tausenden von Menschen und fragt sich: „Was passiert hier eigentlich?“ Nach diesem ersten Auftritt bin ich backstage zusammengebrochen und habe hemmungslos geweint, weil ich einfach überwältigt von allem war. 2010 war es anders: Wir waren entspannter, hatten Erfahrung und wurden sogar von Kiss eingeladen, im Vorprogramm zu spielen. Das war zunächst einmal eine große Ehre und dazu ein unglaublicher Moment. Wir spielten buchstäblich in den Sonnenuntergang hinein. Auf dem Programm standen an diesem Abend nur Kiss und die H-Blockx, und das Wetter war perfekt – was in der Eifel ja keine Selbstverständlichkeit ist.

    Unser Auftritt war für 20 Uhr geplant, und ich war fest überzeugt, dass kaum jemand vor der Bühne stehen würde. Schließlich wollten alle Kiss sehen. Doch dann schaute ich auf einen Monitor in unserem Backstage-Bereich – wir teilten uns die Kabine mit einer anderen großen Band, ich glaube Metallica oder den Red Hot Chili Peppers, die erst am nächsten Tag anreisen sollten. Auf dem Bildschirm sah ich plötzlich Menschenmassen, die in Richtung Gelände strömten. Ich fragte ungläubig: „Was ist das denn?“ Und jemand antwortete: „Das sind die, die zu eurer Show wollen.“ Als wir dann auf der Bühne waren, war alles perfekt – ein Meer aus Fans, der Himmel strahlend blau, die Sonne ging langsam unter. Dieses Konzert war für mich legendär.

    Quelle: Gala